There is nothing with which every man is so afraid as getting to know how enormously much he is capable of doing and becoming.
- Søren Kierkegaard

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Den Tauben

Es ist der Moment, in dem man den intensiven Drang verspürt, etwas mit voller Kraft und einem Wutschrei, der aus der Brust bricht, durch den Raum zu schmeißen. Gegen die Wand. Die Gedanken tun es bereits, sie jagen aus dem Kopf in alle Richtungen, pulsierend ausgekotzt, pfeilgerade prallen sie an Wände, Schranktüren und Spiegel. Werden endlos zurückgeworfen. Brechen sich in Fensterglas und leeren Sektflaschen.

Die weichen Formen meines Zimmers passen mir nicht, warmes Orange beißt sich wie Säure in meine Auge. In mir verlangt es nach Farbenfrost, nach Eis das die Wänden hinaufkriecht. Nach gesprungenen Fliesen und zuckendem Neonlicht. Nach schartigen Nägeln, die tiefe, taube Wunden reißen und nach dem Modergeruch nassschwarzen Schimmels in den Fugen. Nach Krachgetöse und schmerzende Kälte, die feuchtkalt durch den undichten, klappernden Fensterladen hereinzieht.

Es verlangt mich nach einem Urschrei.
Einem Schrei, der in Lauten nicht fassbar ist, eine alles durchdringende Gewalt an Energie.
Einem Schrei, der Trommelfelle reißen und Zähne splittern lässt.
Einem Schrei, der Knochen bricht.
Einem Schrei, der die Welt zum Schweigen bringt und dann verklingt.

Einer Stille, die zum Lauschen zwingt.
 

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Massenmensch

Menschen drängen sich
In Massen
Durch zu enge Gassen
Versuchen einander zu fassen
Angst einander loszulassen
Angst verlassen zu werden
Und zu sein
In der Masse
Die einfach nicht zu fassen ist
Die man hasst
Weil man so fassungslos verlassen ist

Angepasst an die Hast der Massen
Versuchst Du den Anschluss nicht zu verpassen
Und bekommst doch einzig die Angst zu fassen
Die Dein Leben zur Kasse bittet. Passend.


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Fliegen. Fallen. Fast ästhetisch.

Anja und Mark waren einst beste Freunde, ein Höhenflug ohnegleichen, auf den Tag sechs Monate bis zum Absturz. Jetzt stehen beide allein zu zweit auf weiter Flur vor den rauchenden Trümmern der Maschine und betrachten die Szenerie. Hier und da flammt ein angerußtes Wrackteil erneut auf und beleuchtet für einen Moment das klaffend aufgefetzte Loch am Bug. Aus der Kehle, wie von einem Machetenhieb durchtrennt, quellen dicke Kabeladern, von denen schwarzöliges Blut tropft und eine Lache in der Asche bildet. Der schnalzende Takt der Kurzschlüsse im Inneren belebt die Maschine und ermöglicht ihr einen würdigen Abtritt, metallkreischende letzte Worte und ein blechernes Krachen des multipel frakturierten Stahlträgerskeletts. Nieselregen beginnt leise auf den zerschlagenen Kadaver zu prasseln und bedeckt das Wrack mit einem zarten Totenschleier aus Wasserdampf, der von den noch heißen Blechflanken aufsteigt. Beinahe ein ästhetischer Tod.

Anja beginnt in den Trümmern nach heilen Überresten zu suchen, während Mark in kurzer Distanz stehen bleibt und sich mit abgewandtem Blick die vierte Zigarette anzündet. Die Schwaden, die seinen Mund verlassen, paaren sich mit dem Dampfschleier und dem Qualm der ertränkten Flammen zu einem beißenden Gemisch, das Anja in den Augen brennt und ihren Blick trübt. Sie greift daneben, tränenblind vom Rauch und einem plötzlichen Schmerz, als sich ein halb verschmolzenes Gitterteil löst und ihr im Herabrutschen ein Muster aus parallelen Striemen in den Unterarm brennt.

Im Grunde weiß sie nicht, wonach sie sucht.
Überlebende? Nein, sie waren allein an Bord.
Vielleicht ist es die pure Unerträglichkeit des Nichtstuns, welche sie antreibt.
Und das bittere Schweigen, während man in trauter Einsamkeit vor den rauchenden Trümmern der Vergangenheit steht.

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